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„Manche Unternehmen reagieren erst, wenn es zu einem Unfall kommt“

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Bauarbeiter klettern an einem Gerüst und sind nicht gesichert. Das passiert immer mal wieder in Deutschland, obwohl es strenge Vorschriften gibt. Doch ob die Vorschriften eingehalten werden, wird in der Bundesrepublik immer seltener kontrolliert. Über das Thema Arbeitsschutz hat Wirtschaft TV mit Sascha Hautau gesprochen. Der Inhaber der Firma Alliance Security ist als Fachkraft für Arbeitssicherheit sowie Meister für Schutz und Sicherheit tätig.

Was beachten Unternehmen am häufigsten nicht, wenn es um Arbeitsschutz geht?

Hautau: Die Einhaltung von grundlegenden Dingen, wie zum Beispiel der Notfallorganisation. Die Unternehmen haben sich keine ausreichenden Gedanken zum Thema Evakuierung, der dazugehörigen Räumungsübung und auch der Alarmierungsart gemacht. Teilweise fehlt es in den Firmen, gerade in älteren Gebäuden, auch an den notwendigen Beschilderungen, wie Notausgänge, Sammelplätze und Verbandskästen. Dies ist die Basis und auf dieser sollte aufgebaut werden. Die Erstellung von Gefährdungsbeurteilungen ist ebenfalls ein großes Thema. Das geht meist nur mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit zusammen. Die Gefährdungen am Arbeitsplatz werden ermittelt, beurteilt und Ziele gesetzt: Was soll erreicht werden? Danach werden Maßnahmen ausgewählt und umgesetzt. Die Erfolgskontrolle ist ebenso ein wichtiger Aspekt. Tätigkeiten und Abläufe können sich ändern, sodass regelmäßig zu prüfen ist, ob die Maßnahmen überhaupt noch greifen. Ansonsten muss angepasst werden. Häufig kommt bei vielen Mitarbeitern die mögliche Betriebsblindheit dazu. Viele Abläufe werden als normal angesehen oder, weil es ja jeder macht, abgetan. Viele Unternehmen führen keine Unterweisung der Mitarbeiter durch. In dieser werden Themen, wie Unfallschwerpunkte, Ergonomie am Arbeitsplatz und Brandschutz, besprochen und die Mitarbeiter sensibilisiert.

Die Beschäftigten des US-Elektrobauers Tesla haben im vergangenen Jahr etwa doppelt so viele Tage wegen Krankheit gefehlt wie im Vorjahr. Weiten immer mehr Unternehmen auch in Deutschland die Produktion ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter aus?

Hautau: Pauschalisierungen sollten vermieden werden. Es gibt mit Sicherheit einige Unternehmen, die die Arbeitskraft bis über die Belastungsgrenze ausschöpfen. Viele Unternehmen, die ich betreue, binden ihre Mitarbeiter bei der Zielerreichung mit ein, denn ein gemeinsames Ziel lässt den Mitarbeiter deutlich motivierter und auch produktiver arbeiten, als wenn er nur Zeit gegen Geld tauscht. Jeder Arbeitnehmer möchte etwas bewirken und wenn der Unternehmer dies erkennt, dann ist er dem gemeinsamen Ziel, sein Unternehmen sicher wachsen zu lassen, ein ganzes Stück nähergekommen. Ein immer größer werdendes Thema sind psychische Belastungen am Arbeitsplatz. Genau deshalb prüft zum Beispiel das Gewerbeaufsichtsamt, inwieweit das Unternehmen sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat und welche Maßnahmen diesbezüglich bereits angegangen wurden. Diese Thematik sollte ernst genommen werden. Nicht ohne Grund sind die psychischen Belastungen die Ursache Nummer eins für Fehlzeiten bei der Arbeit.

Pro Arbeitstag starben 2017 in Deutschland durchschnittlich zwei Menschen. Oft verstoßen Firmen gegen Sicherheitsvorschriften. Viele Bundesländer haben die Stellen bei den Arbeitsschutzbehörden extrem gekürzt. In Stuttgart gibt es zum Beispiel 21.000 Baustellen pro Jahr und davon kann das Gewerbeaufsichtsamt nur 30 kontrollieren. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Hautau: Ich halte diese Entwicklung für dramatisch. Jeder tote oder verletzte Mitarbeiter ist einer zu viel. Da hier der staatliche Kontrollmechanismus seine Grenzen gefunden hat, müssen die Unternehmen ihre Prozesse selbst optimieren. Manche Unternehmen reagieren erst, wenn es zu einem Unfall kommt, das muss jedoch nicht sein. Mit einer professionellen Betreuung und Beratung und dem Willen, die gesammelten Erkenntnisse auch umzusetzen, können die Unternehmen viel bewirken. Manche Unternehmen vergessen, dass viele Arbeitsunfälle auch höhere Beiträge an die Berufsgenossenschaften bedeuten. Wenn deutliche Worte nicht wirken, dann hilft der finanzielle Aspekt manchmal mehr. Arbeitsschutz muss aber ebenso durch den Unternehmer vorgelebt werden. Wenn der Chef ohne Helm auf die Baustelle kommt: Warum soll der Mitarbeiter dann einen tragen? Hier sehe ich auch meinen Ansatz, ich lebe den Arbeitsschutz vor, nur so kann ich glaubwürdig die Mitarbeiter ins Boot holen und sie in diesem Thema sensibilisieren. Mein Ziel ist die Prävention. Ich will die Unternehmen so aufstellen, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen sicher sind. Manchmal können Ereignisse nur retrospektiv erfasst werden. Der Leidtragende ist dabei zuerst der Verunfallte. Bei der anschließenden Analyse müssen Maßnahmen getroffen werden, damit so etwas nicht erneut passiert. Auch hier werde ich tätig, manchmal kommen die Unternehmen erst nach einem Unfallgeschehen auf mich zu. Das finde ich sehr schade. Hier wünsche ich mir mehr Eigeninitiative.

Die Anzahl der Büro- und Bildschirmarbeitsplätze nimmt zu. Untersuchungen des Instituts für Arbeitsschutz und des niederländischen Instituts TNO Work and Employment haben ergeben, dass dynamische Arbeitsplätze für einen Anstieg der Herzfrequenz und des Energieumsatzes der Mitarbeiter sorgen, jedoch die Muskelaktivität sich kaum erhöht. Darüber hinaus gab es Defizite bei der ergonomischen Gestaltung und Sicherheit. Was halten Sie von diesen dynamischen Arbeitsplätzen und wie sollte Ihrer Ansicht nach ein dynamischer Arbeitsplatz aussehen?

Hautau: Dynamische Arbeitsplätze habe ich in dem Sinne noch nicht gesehen. Ich halte die Umsetzung und Akzeptanz auch für schwierig. Idealerweise sollte ein Bildschirmarbeitsplatz aus nicht nur sitzender, sondern auch aus stehender Tätigkeit bestehen. Höhenverstellbare Tische müssen Standard sein, ebenfalls ergonomische Stühle. Wenn der Mitarbeiter die Möglichkeit hat, sich ab und an vom Arbeitsplatz zu bewegen, wäre dies ideal. Viele Unternehmen haben deshalb separate Druckerräume, so wird man zur Bewegung angehalten. Außerdem kann jeder Mitarbeiter zwischendurch Lockerungsübungen einbauen und in Pausen Spaziergänge durchführen. Die Eigeninitiative fehlt jedoch. Man sollte sich selbst disziplinieren können. Der Körper wird es einem mittelfristig danken. Ich empfehle, gerade bei viel sitzender Tätigkeit, einen sportlichen Ausgleich zu finden.

Unternehmer können sich jedes Jahr mit vorbildhaften Projekten zum Arbeitsschutz für den Arbeitsschutzpreis bewerben, den das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung ausrichten. Haben Sie schon mal eine Firma betreut, die diesen Preis gewonnen hat und ermutigen Sie Unternehmer dazu, bei dem Wettbewerb mitzumachen?

Hautau: Bisher leider noch nicht, aber ich spreche diese Möglichkeit bei den Kunden an und erkläre die Teilnahme, die Höhe des Preisgeldes und den Nutzen für das Unternehmen. Es ist auch für mich als Fachkraft für Arbeitssicherheit von Interesse, das Unfallgeschehen so gering wie möglich zu halten. Wir dürfen dabei einen Punkt nicht vergessen: Hinter allen Mitarbeitern stecken immer Menschen, die am Ende des Tages wieder gesund und munter nach Hause kommen wollen. Es sollte alles Menschenmögliche getan werden, damit dies erreicht werden kann.

 

Bildquelle: Alliance Security

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